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Fast Forward – Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos

Lamborghini Marzal und Maserati Boomerang. Sie waren die Preziosen meines Matchbox-übersäten Kinderzimmers. Später musste ich dann betrüblicherweise erfahren, dass es Einzelstücke sind (als ob ich mir jemals einen hätten leisten können!). Und noch viel später, dass sie nicht irgendwelche 08/15-Studien waren, sondern den automobilen Zeitgeist der 70er Jahre entscheidend mitprägten. Aus der kindlichen Zuneigung wurde eine große Leidenschaft. Bis heute kann ich beim Anblick italienischem Automobildesigns der späten 60er bis frühen 80er Jahre einfach nur dahinschmelzen, bis heute sind die Herren Pininfarina, Bertone und Giugiaro für mich die heilige Dreifaltigkeit.

Bei einer Internet-Recherche stieß ich durch Zufall auf die beiden italienischen Ikonen. Das ist per se nichts Besonderes; es passiert regelmäßig, wenn man wegen historischer Automobile im WWW herumwandert. Im speziellen Fall durfte ich allerdings feststellen, dass sie beide in einem mir bis dato völlig unbekannten Buch versammelt waren: Fast Forward. Zum absoluten Sonderpreis von unter 20 Euro (Normalpreis: knapp 50 Euro) war es absoluter Spontankauf.

Giugiaros ikonische Boomerang-Studie ist weltberühmt – zumindest das Außendesign. Der mehr als eigenwillige Innenraum konnte zum Glück keinen Einfluss auf die Gestaltung künftiger Serienautos ausüben.

Ein für mich lohnenswerter Kauf. Denn über Boomerang und Marzal hinaus nimmt die eingangs erwähnte Epoche sehr breiten Raum in einem Werk ein, das sich dem Thema Designstudien auf eine mitunter etwas eigenwilligen Weise nähert. Ein Fachbuch im “wissenschaftlichen” Sinn ist es jedenfalls nicht. Will es auch gar nicht sein. Der “gestalten”-Verlag als Herausgeber verlegt vor allem fotolastige Bände aus den Bereichen Design, Kultur und Lebensart. Ich kenne keine anderen Bücher von diesem Verlag. Aber Fast Forward passt auf jeden Fall bestens ins Portfolio.

Wer angesichts der Herkunft eine Art Fotoalbum mit ein paar Alibitexten erwartet hat, wird – wie ich – positiv überrascht. Kein blumiges Geschwalle, stattdessen knackig-kurz gehaltene Texte inklusive aller relevanten Infos. Hin und wieder sind diese allerdings etwas unsauber oder nicht gründlich genug recherchiert. Sei’s drum, alles ist in einem angenehmen Schreibstil gehalten, der professionell, aber nie langweilig wirkt. Das ist beim Autor auch kein Wunder: Jan Baedeker gehört zu den arrivierten Reise- und Motorjournalisten und zeichnet zudem als Chefredakteur für das Magazin Classic Driver verantwortlich. Seiner publizistischen Herkunft wird Fast Forward dennoch gerecht: Erstklassige, großformatige Fotos auf praktisch jeder Seite. Dass sie oft anderthalb Seiten groß sind und somit über die Falz gehen, ist irgendwo Geschmackssache. Nicht jeder mag das, mich stört es überhaupt nicht. Das generelle Layout – bei dieser Sorte Bücher oft der Schwachpunkt – ist angenehm schlicht und im Detail professionell, insgesamt klar überdurchschnittlich.

Der exotische 1948er Prototyp von Tasco (The American Sportscar Company) mit seinem für amerikanische Studien typischen Brückenschlag zum Flugzeugdesign. In diesem Artikel steckt auch eine der inhaltlichen Unsauberkeiten des Buchs: Der ehemalige Cord-Designer stritt stets ab, dass das Tasco-Design vornehmlich von ihm stamme.

Ein paar Macken fallen schnell auf: Einige Beiträge lesen sich etwas seltsam; so wie nicht perfekt übersetzte englische Texte. Das mag aber auch einfach nur Täuschung sein. Schwerwiegender ist die hin und wieder auf irritierende Art durchschimmernde persönliche Meinung des Autors. Er findet dann schon mal ein Exponat nicht besonders toll, was er auch deutlich zu erkennen gibt. Gleichzeitig nennt er dafür keine objektiven Gründe. Das lässt einen leicht rätselnd zurück. Wenn das Modell Baedeker nicht gefällt, was hat es dann im Buch verloren? Gleichzeitig finden sich mit dem Mazda Cosmo und dem De Lorean DMC12 zwei Autos im Buch wieder, die in Serie gefertigt wurden. Designtechnisch sicher eine nachvollziehbare Entscheidung; schick genug sind beide schließlich. Andererseits betont der Autor selbst, dass sein Buch der Welt der Concept Cars gewidmet sei.

Liebhaber italienischen Keil-Designs kommen hier voll auf ihre Kosten. Großartige Bilder übertünchen dann auch die ein oder andere konzeptionelle Schwäche.

Den größten Bock schießen Autor und Verlag mit der inhaltlichen Ausrichtung im letzten Drittel des Buches. Bis dahin wirkt Fast Forward sehr stringent und konsequent. Zur Schau gestellt wird vor allem das, was ich mir mit meinem Designstudien-Grundwissen in etwa vorgestellt habe: Amerikanische SciFi-Nachkriegsfantasien, massenweise futuristischen Keile der End-60er/Anfangs-70er-Glanzzeit sowie viele Werke der großen italienischen Meister. All das liefert Baedeker brav ab, ohne deshalb vorhersehbar oder langweilig zu werden.

Das Ende der ganz großen Ära von Bertone, Gandini & Co. ließ aber offensichtlich auch Baedeker etwas ratlos zurück. So überspringt er die 80er und 90er Jahre komplett, die er mit einem nonchalantem Doppelseiter abkanzelt. Außer der erneut durchscheinenden persönlichen Antipathie werden für diese Ignoranz aber keine wirklich triftigen Gründe genannt. Danach wird es ganz wild: Mitunter von der ein oder anderen halb-attraktiven Studie unterbrochen, verkommt der letzte Part eher zur bunten Werbebroschüre für die Premiumhersteller dieser Welt und deren Chefdesigner. Was das tatsächlich mit der Zukunft des Autos zu tun haben soll, wird mit jeder Seite eher schleierhafter als klar.

Das hintere Drittel des Buches (hier eine Doppelseite über Ferrari-Designer Manzoni) schrammt nur knapp an einer Themaverfehlung vorbei. Hier ist weder von Zukunftsdesign noch einer Design-Zukunft viel zu merken.

Ein wenig versöhnlich stimmen dann die allerletzten Seiten von Fast Forward: Die hier vorgestellten Vehikel sind bizarr bis fast schon abstrakt. Dem Leser, der sich vorher noch an einem Giugiaro-Design ergötzt hat, mag das nur ein Fragezeichen aufs Gesicht zaubern. Für mich stehen diese paar Skurillitäten aber mehr für den Geist des Titels als sämtliche 100 Seiten davor.


Fast Forward - Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos 49,90 Euro

Buchautor: Jan Baedeker

Buchausgabe: Deutsch

Buchformat: Hardcover

Publisher - Orgnization: gestalten Verlag

Logo des Herausgebers:

Erscheinungsdatum: 5. September 2017

ISBN: 978-3-89955-689-6

Anzahl der Seiten: 308

Bezugsquelle

  • Inhaltliche Qualität/Tiefgang - 6/10
    6/10
  • Schreibstil/Lesespaß - 6.5/10
    6.5/10
  • Aufmachung/Layout - 8/10
    8/10
  • Auswahl/Qualität Bilder - 8.5/10
    8.5/10

Urteil

Fängt stark an, lässt aber auch stark nach. Auf den ersten 200 Seiten ist so gut wie alles vertreten, was was in der Welt der Concept Cars Rang und Namen hat. Begleitet von informativen Texten und hochqualitativen Bildern. Das letzte Drittel geriet wirr und konzeptlos und wirkt insgesamt wie ein störender Fremdkörper. 

Overall
7.3/10
7.3/10
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